Brennpunkt

Lehre: Ist Geld wirklich alles?

Lehrlingsausbildung
28.03.2024

Aktualisiert am 02.04.2024
Das Tischler Journal fragt nach, warum sich Jugendliche und junge Erwachsene für einen Beruf entscheiden, welche Rolle die Bezahlung spielt und welche weiteren Faktoren die Generation Z in Sachen Arbeit besonders schätzt.
Geld
Ist Geld wirklich der wichtigste Grund, warum sich junge Menschen für einen Beruf entscheiden?

Laut einer deutschen Jugend-Studie, die Ende letzten Jahres veröffentlicht wurde, ist Geld das einzig wahre Motiv, das „die Jungen“ überhaupt zum Arbeiten bewegen kann. Die Ergebnisse einer Mitarbeitenden-Befragung von Great Place To Work im Zeitraum November 2022 bis November 2023 sind nicht ganz so drastisch: Hier kristallisiert sich bei der jüngsten Altersgruppe am Arbeitsmarkt – den 13- bis 24-Jährigen, auch als Generation Z bekannt – neben fairer Bezahlung die Sinnhaftigkeit der Tätigkeit als entscheidendes Motiv für die Berufswahl und einen langen Verbleib bei einem Arbeitgebenden heraus. Jetzt sind Studien das eine – das "echte Leben" ist das andere. Das Tischler Journal fragt daher in der Praxis nach, warum sich Jugendliche und junge Erwachsene für einen Beruf entscheiden, welche Rolle die Bezahlung dabei spielt bzw. welche anderen Faktoren ausschlaggebend sind. Ebenso im Fokus stehen die Fragen, wie sich die Sicht auf die Entscheidungsgründe im Laufe des Berufslebens ändert und wie das Tischlerhandwerk in Sachen Gehalt im Vergleich mit anderen Berufen da steht.

Hohe Erwartungen

Ein zentrales Ergebnis der Studie „Das erwarten sich Young Talents von ihren Arbeitgebenden“ von Autorin Conny Grill für Great Place To Work lässt den "Geld ist alles"-Gedanken außen vor, denn: Bedeutung und Sinn im Job zu erfahren, macht den entscheidenden Unterschied aus. Laut der Umfrage legt die Generation Z zwar großen Wert auf eine angemessene Entlohnung, genauso wichtig ist eine glaubwürdige und wertschätzendes Führung. Klarer ausgedrückt: Die Vorbildwirkung und authentisches Vorleben von Unternehmenswerten durch das Management spielen eine entscheidende Rolle. Darüber hinaus ist es den jungen Mitarbeitenden besonders wichtig, ihre Fähigkeiten und Stärken optimal ins Unternehmen einbringen zu können. Zudem essentiell sind Spaß bei der Arbeit, ein guter Teamgeist, Gesundheitsangebote sowie Weiterbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten. "Der Berufseinstieg der Generation Z erfordert eine neue Betrachtungsweise der Arbeitswelt, wie wir sie kennen. Unternehmen, die ihre Arbeitsbedingungen an die Bedürfnisse dieser jungen Talente anpassen, werden nicht nur erfolgreich rekrutieren, sondern auch langfristig binden können", so das Fazit von Jörg Spreitzer, Geschäftsführer von Great Place To Work Österreich.

Findet die Generation Z einen Sinn in ihrer Tätigkeit, möchte sie mit einer höheren Wahrscheinlichkeit noch lange bei ihrem Arbeitgeber bleiben.

Jörg Spreitzer, Great Place To Work Österreich

Der Sinn dahinter

Wenn es um den Sinn und den Spaß geht, kann das Tischlerhandwerk durchaus mithalten. Auf der Plusseite stehen die Arbeit mit einem nachhaltigen Werkstoff, das Erschaffen bleibender Produkte, zudem sind Kreativität und Technikaffinität gefragt. Das Klischee eines "verstaubten" Berufs ist in vielen Köpfen leider immer noch verankert – daher gilt es, in der Öffentlichkeitsarbeit weiterhin kontinuierlich aufzuklären. Hier "ziehen" Beispiele aus der Praxis besonders gut, die zeigen, welche Möglichkeiten der Beruf zu bieten hat. Darauf setzt z. B. die steierische Landesinnung mit ihrer Kampagne "Werde Tischler", für die man Wolfgang Ramminger und Katharina Petritsch, beide u.a. erfolgreiche Teilnehmende an Berufswettbewerben, als Botschafter*innen gewinnen konnten. "Die beste Werbung für unseren Beruf sind gute Testimonials, die das Positive nach außen tragen und das Handwerk mit Begeisterung leben", bestätigt auch Claudia Hindinger, die sich in diesem Sinne für die Zukunft auch eine bundesweite Kampagne wünscht.

Im oberen Viertel

Claudia Hindinger
"Dass der Tischlerberuf ein schlecht bezahlter ist, ist ein Vorurteil, das sich hartnäckig hält. Dass das nicht (mehr) stimmt, darüber müssen wir viel mehr reden." LLW Claudia Hindinger, Tischlerei Hindinger

Dabei könnte man auch auf das sich hartnäckig haltende Vorurteil, dass der Tischlerberuf ein schlecht bezahlter ist, eingehen. "Denn dem ist definitiv nicht mehr so", sagt die Unternehmerin. Claudia Hindinger leitet die Tischlerei Hindinger in Kirchham in Oberösterreich mit 19 Mitarbeitenden, seit 2019 ist sie Landeslehrlingswart in OÖ. Im Familienbetrieb bildet man regelmäßig Tischlerei- und Tischlereitechnik-Lehrlinge aus. Somit kennt sie die "Lage" aus mehreren Perspektiven. Hindinger sieht das Geld nicht als das wichtigste Kriterium, warum sich Jugendliche für einen Beruf entscheiden. "Viele schauen sich im Rahmen von Schnuppertagen Unterschiedliches an und bleiben dort, wo sie sich wohlfühlen und sich identifizieren können." Leider sind es in vielen Fällen die Eltern und auch die Lehrer*innen, bei denen die Denkweise, "in der Tischlerei ist nichts zu verdienen", noch weit verbreitet ist. Schaut man sich die Gehaltstabellen an, wird man allerdings schnell eines Besseren belehrt: Im Vergleich der Handwerksberufe liegt die Tischlereitechnik im oberen Viertel, die klassische Tischlerei-Ausbildung im guten Mittelfeld (siehe Info-Kasten).

Kräftige Erhöhung

Wenn "das Leben Einzug hält", es also ans Selbständig werden geht bzw. sich junge Menschen für einen späteren Berufseinstieg entscheiden, spielt die Entlohnung durchaus eine höhere Rolle. Aber auch hier lässt sich die Branche nicht lumpen: "Die letzte Lohnerhöhung mit fast zehn Prozent tat den Unternehmen zwar weh, die Vorrückung ist allerdings auch ein zusätzliches Argument für unseren Beruf. Und für spätere Einsteiger gibt es viele attraktive Ausbildungsmodelle wie z. B. die Duale Akademie, die auch eine höhere Bezahlung und angepasste Lehrinhalte bieten", so Claudia Hindinger weiter.

Die "heutige Jugend"

Es scheint, dass die Verständnis-Kluft zwischen "Jung und Alt" durch den rasanten technischen Fortschritt größer ist als in den Generationen davor und die Arbeitgeber*innen weit stärker auf diese gesellschaftlichen Veränderungen eingehen müsse. "Jein", sagt dazu Claudia Hindinger. Es gebe wie schon immer zwei "Kategorien" von Jugendlichen – die einen, die wissen, was sie wollen und ihr Ziel vor Augen konsequent verfolgen. Die anderen, die (noch) wenig Sinn in der Arbeit sehen und dementsprechend unentschlossen in Sachen Berufswahl sind. Merkbar im Abnehmen ist allerdings die allgemeine Flexibilität, was z. B. ein längeres Verbleiben am Arbeitsplatz betrifft – nicht nur bei den Jugendlichen: "Die Freizeit ist meist fix verplant, da sind zum Beispiel längere Montagen, weil etwas fertig werden muss, eher problematisch. Und auch gemeinsame Freizeitaktivitäten – die durchaus geschätzt werden – müssen während der Arbeitszeit stattfinden, denn am Wochenende hat dafür niemand mehr Zeit und Lust. Darauf müssen wir uns als Arbeitgeber einstellen." Eine weitere Herausforderung stelle das veränderte Kommunikationsverhalten dar. "Die Unternehmen sind gefordert, Social Media Kanäle zu haben und zu bestücken, sonst sind Jugendliche gar nicht mehr zu erreichen. Hier müssen wir auch offen sein, von den Jungen zu lernen und sie dort abzuholen", so Hindinger, die hier den Vorteil hat, auf die Expertise ihres Sohnes zurückgreifen zu können, der sie u.a. bei der Instagram-Präsenz unterstützt.

Schluss mit falscher Romantik

"Natürlich ist die Tischlerei ein klassisches Handwerk, aber mit einer verstaubten Meister-Eder-Romantik hat unser Beruf schon lange nichts mehr zu tun", sagt Claudia Hindinger. "Wir haben in den letzten Jahren riesige Modernisierungs-Schritte gemacht, auch in die kleinen Werkstätten sind EDV, CNC und Robotik eingezogen." Die mediale Darstellung – die nach wie vor sehr auf die "alten" Werte setzt – sei da oft kontraproduktiv, da sich das Berufsbild in der öffentlichen Wahrnehmung so nicht ändere und die Jugend die Tischlerei nicht als attraktiv und zukunftsorientiert wahrnehme.

High-Tech-Beruf

Hanna Neuhuber
"Ich fühle mich als Tischlerin gut abgesichert. Mit der Ausbildung habe ich einen soliden Grundstock und eine wunderschöne Arbeit, mit der mir alle Möglichkeiten offen stehen." Hanna Neuhuber, Lehrling Tischlereitechnik

Die vierjährige Ausbildung Tischlereitechnik mit den Schwerpunkten Produktion und Planung ist das beste Beispiel für die Modernisierung auch in der Ausbildung. Als Ergänzung zur klassischen Tischlerei spricht man damit technikaffine Jugendliche an, mit dem Planungszweig erreicht man viele weibliche Lehrlinge besser. Genau für diese Ausbildungsschiene entschied sich Hanna Neuhuber, die in der Tischlerei Hindinger im vierten Lehrjahr Tischlereitechnik Planung tätig ist. Die 19-Jährige präsentierte Ende Jänner ihr Gesellenstück, schloss gerade das letzte Berufsschuljahr mit Auszeichnung ab und dass sie bei der im Herbst anstehenden Lehrabschlussprüfung auch wieder glänzen wird, steht außer Zweifel. Die nächste Zielen sind auch schon am Radar: "Gerne die Meisterprüfung, vielleicht auch noch ein Architekturstudium."

Alles ist möglich

Geld
Das eigene Geld ist ein wichtiges Motiv für die Berufswahl, allerdings muss noch viel mehr stimmen, damit Jugendliche sich für einen Berufsweg entscheiden.

"Eigentlich wollte ich immer Innenarchitektin werden. Aber so lange in der Schule zu bleiben, hat mich abgeschreckt – ich wollte einfach früher unabhängig sein und meinen Eltern nicht ewig auf der Tasche liegen", erzählt die Oberösterreicherin. Bei ihren Recherchen stieß sie auf den Ausbildungsweg Tischlereitechnik, der sich für sie als die ideale Alternative entpuppte: "Ich stehe kurz vor meinem Abschluss und bin mit meiner Wahl rundum zufrieden. Durch das Modell Lehre mit Matura steht mir zudem jedes Studium offen, sollte mir da doch einmal der Sinn danach stehen." Bei ihrer Suche nach dem richtigen Weg wurde Neuhuber von ihren Eltern sehr unterstützt, sie setzte neben dem persönlichen Erfahrungsaustausch viel auf Internetrecherche, sie fuhr zudem zu Messen und nützte das Vermittlungsangebot des AMS, wo sie auch ihre jetzige Chefin kennenlernte. In ihrem Freundes- und Bekanntenkreis identifiziert Hanna Neuhuber ebenfalls die zwei "Typen" – mit einen Ziel vor Augen oder eher planlos, was die berufliche Zukunft betrifft. Hier rät sie, sich Unterstützung zu holen, unterschiedliche Sichtweisen anzuhören und sich ein klares Ziel zu setzen. Und sollte sich der gewählte Weg nicht als der richtige erweisen, muss man auch den Mut zum Wechseln haben.

Die Sache mit dem Geld

Eigenes Geld zu verdienen, war für Hanna Neuhuber zwar ein wichtiges Motiv, die Lehre einer Schulausbildung vorzuziehen. Die Höhe der Lehrlingsentschädigung war aber kein Entscheidungsfaktor. "Ich freue mich grundsätzlich über die monetäre Anerkennung meiner Leistung. Aber ich habe mich für den Beruf entschieden, weil er mich interessiert, mir Spaß macht und ich ein hohes Entwicklungspotenzial sehe." Dass die Entlohnung später eine größere Rolle spielen wird, gesteht die angehende Tischlerin, die mit dem Umzug in eine eigene Wohnung gerade "an der Schwelle zur echten Selbständigkeit steht" schon ein. Aber: "Ich fühle mich gut abgesichert. Mit der Ausbildung habe ich einen soliden Grundstock und eine wunderschöne Arbeit, mit der mir alle (Verdienst)Möglichkeiten offen stehen." Natürlich gebe es auch Tage, die "nicht so prickelnd" sind, "aber solche Phasen gibt es überall und sich durchzubeißen gehört zum Lernen und zur Zielerreichung dazu", weiß Hanna Neuhuber. Am Anfang stand sie z. B. dem frühen Arbeitsbeginn um 6 Uhr eher skeptisch gegenüber. Heute ist sie froh, dass im Regelfall "um 16 Uhr Schluss ist und mir noch viel vom Tag übrig bleibt".

Lehrlingsentschädigung: Kräftige Erhöhung

Im Rahmen der letzten KV-Erhöhungen 2023 wurden auch die Lehrlingsentschädigungen kräftig erhöht. So bekommen Tischler- und Tischlereitechnik-Lehrlinge im ersten Jahr nun 800 Euro statt zuvor 700. Im 4. Lehrjahr TT stieg die Entschädigung gar von 1.660 auf 1.825 Euro. Grundsätzlich gibt es bei den Lehrlingsentschädigungen keine Überbezahlung, zusätzliche Benefits wie Anerkennungen für gute Prüfungsergebnisse sind jedem Betrieb überlassen.

Lehrlingsentschädigung nach Lehrjahren (lt. WKO, gültig bis 30.4.2024)

Tischlerei • 1. Lj.: 800 Euro • 2. Lj.: 970 Euro • 3. Lj.: 1.135 Euro

Tischlereitechnik • 1. Lj.: 800 Euro • 2. Lj.: 970 Euro • 3. Lj.: 1.455 Euro • 4. Lj: 1.825 Euro

Zudem gibt es zusätzliche Bestimmungen, die für Lehrlinge über 18 bzw. 19 Jahren eine erhöhte Entschädigung vorsehen. Alle Details zur Lohnordnung gibt es bei der WKO .

Weitere Infos und Vergleichsmöglichkeiten mit anderen Berufen bieten z.B. die Online-Portale www.lehrstellenportal.at und www.gehaltsrechner.gv.at

Branchen
Tischlerei